Wie beweist man seine Schriftstellerhaftigkeit?

Wie beweist man seine Schriftstellerhaftigkeit?

Robert Walser schrieb in «Abhandlung»:

«Vorläufig gebe ich aber jedem Schriftsteller den Rat, sich einen ihm die Schreibutensilien vorantragenden Pagen anzuschaffen, damit sich die Leute sogleich von seinem Stande überzeugen können. Neulich fragte mich nämlich jemand, was ich sei, worauf ich antwortete: „Schriftsteller.” — „Ist das wahr?” wurde mit einer Ungläubigkeit ausgerufen, die mich fast selber an meiner Schriftstellerhaftigkeit zweifeln ließ. Ich hatte die größte Mühe, mich in diesem Moment nicht für einen Schuhputzer zu halten.»

Wie wahr.

Im Vergleich zu Walser habe ich einen bemerkenswerten Fortschritt gemacht. Ich zweifle an meiner Schriftstellerhaftigkeit, auch ohne dass mich jemand nach meiner Beschäftigung fragt. Offenbar bin ich dabei in guter Gesellschaft; Elizabeth Gilbert (Autorin von «Eat Pray Love») schreibt in «Big Magic»:

«Ich musste und muss mich jeden einzelnen Tag meines Erwachsenenlebens als Schriftstellerin definieren und verteidigen – meine Seele und den Kosmos immerzu daran erinnern und wieder erinnern …»

Einen Pagen für Schreibutensilien anzuschaffen geht (leider) ein bisschen gegen den Zeitgeist, also komme ich nicht umhin, die Kommunikation mit der Außenwelt selbst in die Hand zu nehmen und mich zu meiner Schriftstellerhaftigkeit öffentlich zu bekennen. Wenn mich mein Friseur oder die nette Nachbarin nächstes Mal fragt, ob ich nicht wieder einen Job zu suchen gedenke, werde ich nicht über «ein Studium im Bereich der deutschen Sprache und Literatur» stottern, sondern mir das Herz fassen und sagen:

«Ich lerne belletristisches Schreiben. Ich möchte Schriftstellerin werden.»

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