Hochzeitstafel

Hochzeitstafel

«Es tut mir leid, Mrs. Robinson. Ich hoffe, Cora kann es mir irgendwann verzeihen.»

«Verschwinden Sie.»

Das Desaster war perfekt. Camilla zerknüllte die Serviette und starrte ihre Kaffeetasse an. Verdammter Mistkerl! Aus dem ehemaligen Kinderzimmer drang Coras verzweifeltes Schluchzen. Camilla schnaubte. Sie hatte Cora vor diesem Möchtegern-Künstler gewarnt, aber wann hat eine verliebte junge Frau je auf ihre Mutter gehört? Jetzt werden sich die Leute in der Stadt wieder die Mäuler zerreißen und ihren Heidenspaß daran haben, dass es einmal mehr die vornehme Camilla Robinson traf. Sie hörte schon schadenfreudig kichernde Stimmen und geheucheltes Mitleid. Genau, wie damals, vor fünf Jahren, als Nick… Hör auf damit, mahnte sie sich, warf die Serviette weg und griff nach ihrem Handy.

«Alice? Sie haben die Gästeliste für morgen. Bitte rufen Sie alle an und sagen Sie ab. Die Hochzeit findet nicht statt.»

«Oh, Mrs. Robinson… Das tut mir leid. Ist alles okay mit Cora?»

Na bitte, es geht schon los. Camilla schluckte.

Als sie eine Stunde später mit quietschenden Reifen vor dem Plaza hielt, sank die Sonne hinter den Stadtpark. Am Eingang kam ihr ein zerlumpter buckliger Mann über den Weg, sein derber Geruch drang in ihre Parfumwolke. Sie rümpfte die Nase und stürmte durch die Empfangshalle.

Ted Berkley, der Hotelmanager, sah Camilla eine Zeitlang nachdenklich an und trommelte mit den Fingern auf seinen Schreibtisch.

«Man wird darüber an allen Ecken tratschen, Camilla. Die Leute lieben Skandale. Sie werden kein gutes Haar an dir lassen, wie damals mit Nick.»

«Das war gemein! Das Schwein hat mich im letzten Moment sitzen lassen.»

«Tja. Ihr Robinsons verliebt euch immer in die Falschen. Und was wird mit dem Essen? Die Küche läuft auf Hochtouren, es ist zu spät zum Stornieren.»

«Ich weiß, Ted. Das Geld muss ich wohl abschreiben. Es war mein Hochzeitsgeschenk für Cora…»

Camilla presste die Lippen zusammen und blickte aus dem Fenster. Der Bucklige vor dem Eingang wurde gerade von einem Angestellten verscheucht und schlurfte davon. Ein lachendes Pärchen wich ihm aus dem Weg. Seit in der Nähe eine Notschlafstelle mit Essensausgabe eingerichtet wurde, sah man im noblen Viertel immer wieder Obdachlose. Camilla schaute dem Buckligen nach. Was, wenn sie… Nein, unmöglich. Oder vielleicht doch?..

«Camilla?» Teds Stimme riss sie aus ihren Gedanken. Sie drehte sich zu ihm.

«Hör mal, Ted… Ich habe eine Idee…»

Als Ted Camillas Vorschlag hörte, schossen seine Augenbrauen hoch.

«Das ist verrückt», meinte er nach einer Weile. «Aber das ist genau das, was du brauchst. Die Leute werden das lieben.»

Am nächsten Tag stand Camilla in der Notschlafstelle für Obdachlose und strahlte in die Kamera des Lokalsenders.

«Es wäre zu schade, das Geld abzuschreiben und das Essen wegzuwerfen, wo es so viele Bedürftige in unserer Stadt gibt», erklärte sie dem jungen Reporter und deutete auf zahlreiche ärmlich gekleidete Menschen, die Tomatencremesuppe und Kalbsmedaillons schlemmten. Der Reporter nickte anerkennend.

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