Katze und Maus

Katze und Maus

Vorwort

Diese Geschichte habe ich bei einem Schreibspiel verfasst, noch lange bevor ich mich bei der «Schule des Schreibens» angemeldet habe. Es war ein Genuss, daran zu dichten, obwohl ich damals vom Schreiben natürlich noch keinen blassen Dunst hatte.

Jetzt, nach der Überarbeitung, gefällt mir die Geschichte noch besser, ja, was soll ich sagen: sie ist einer meiner Lieblinge. Mein Herz flattert, während ich sie hier in die große weite Welt entlasse.

Machs gut, Liebling, möge die Welt dir wohlgesinnt sein.

* * *

Ein Sonnenstrahl schlich zwischen den Läden ins Schlafzimmer und tanzte um Katze herum. Sie streckte sich in ihrem Bettchen und öffnete das linke Auge. Der Sonnenstrahl kam näher, kitzelte an der Nase, rief: «Wach auf, Katze! Ich bin schon lange erwacht und warte auf dich!» Katze nieste, schloss das linke Auge wieder und drehte sich auf die andere Seite, um weiter zu träumen, doch dann öffnete sie beide Augen. Es war Donnerstag! Heute kommt Maus, sie liebt es, wenn es sonnig ist und warm und man im Garten sitzen kann. Auf einmal hellwach, sprang Katze aus dem Bettchen und lief ins Wohnzimmer.

Durch das große Fenster drangen zahlreiche Geschwister des ersten Sonnenstrahls herein. Oh, es versprach ein prächtiger Frühlingstag zu werden! Katze zog die Schiebetür zur Seite, steckte den Kopf in den Garten hinaus und schnupperte an der noch kühlen Morgenluft. Es duftete nach Flieder. Katze lächelte. Der Winter hatte sich endlich verzogen, und sie freute sich über das Gold der Sonne, die Wärme und die Farben, all das Grün, Gelb und Rosa. An so einem Morgen machte der tägliche Gartenrundgang richtig Spaß und Katze schnurrte wie ein junges Kätzchen. Sie holte dicke Sitzkissen und legte sie auf die kleine Wiese in der Mitte des Gartens, die von Maiglöckchen und Narzissen übersät war. Hoffentlich blieb es sonnig… Katze begutachtete den strahlenden Himmel, zog nochmals volle Lungen Fliederluft ein und ging in die Küche.

Der Nachmittag rückte näher. Der Kuchen mit frischen Grashalmen war diesmal besonders gut gelungen und verströmte verführerischen Duft. Katze nahm aus dem alten Kirschbaumschrank mit Pfingstrosen bemalte Porzellantassen und silberne Kaffeelöffelchen und arrangierte sie auf dem Gartentisch. Sie schnurrte leise vor sich hin, voller Vorfreude auf den Sommer. Und auf Maus.

Die Sonnenstrahlen hatten die Maiglöckchenwiese schon erobert, als Maus kam. Ihr Fell glänzte silbrig in der Frühlingssonne, die Öhrchen schimmerten rosarot und die schwarzen Knopfaugen blitzten nicht kriegerisch, sondern irgendwie… sanft. Sie sah süß aus, beinahe feenhaft. Wenn sie das wüsste! Maus, die alles Süße und Rosarote hasste und stolz auf ihr graues Fell war, sah süß aus!

«Hallo, Katze.»

«Hallo, Mausi.»

«Nenn mich nicht Mausi!», fauchte Maus.

«Verzeihung, Maus.» Katze lächelte. «Du bist so süß, auch wenn du’s nicht hören willst, und deine Ohren sind rosarot, weißt du das?» Maus schnaufte, und Katze prustete. «Ich habe deinen Lieblingskuchen gebacken.»

«Den mit frischen Grashalmen?» Maus‘ Zornesfalten glätteten sich, sie vergaß ihre rosaroten Ohren und trat herein.

Vom Kuchen blieb kein Krümel übrig. Die Pfingstrosentassen waren leer und die Sonnenstrahlen verließen unwillig die Maiglöckchenwiese. Katze zündete vorsorglich die Kerzen an, die sie in bunten Glasschälchen im Garten verteilt hatte. Im immer noch blauen Himmel tauchten weiße Wölkchen auf.

«Sieh dir die Wolken an, Maus.» Katze fühlte sich wieder wie ein junges Kätzchen, leicht und fröhlich. «Sie sind aus Sahnecreme, und jede hat einen anderen Geschmack. Die gelbe da schmeckt nach Vanille, die kleine rosarote dort drüben nach Himbeereis. Und diese große schneeweiße? Hm… Vielleicht nach Zitrone? Wenn wir in den Himmel fliegen würden, könnten wir von jeder kosten. Welche hättest du am liebsten?»

«Unsinn!», sagte Maus. «Du weißt doch selbst, dass die Wolken aus Wasserdampf sind. Sie schmecken nach Wasserdampf und nicht nach Eis und Vanille. Und wenn wir in den Himmel fliegen würden, könnten wir in dieser Höhe gar nicht aus dem Flugzeug aussteigen, weil es dort oben viel zu kalt ist und die Luft zu dünn.»

Das mit dem Wasserdampf wusste Katze natürlich, sie war schließlich gebildet. Aber sie dachte lieber an Sahnecreme. Maus hatte diese Träumerei nie verstanden, sie war nun einmal bodenständig. Katze schmunzelte und legte ihren flauschigen Schwanz um Maus, die immer schnell kalte Pfötchen bekam. Maus kuschelte sich ins weiche Fell und sagte nichts.

So saßen sie noch eine Weile schweigend auf der kleinen Maiglöckchenwiese. Die letzten Sonnenstrahlen verkrochen sich hinter den Horizont, die Wolken wurden grau wie Maus, die Kerzen brannten aus, die Schatten verdichteten sich. «Wenn jeder Tag Donnerstag wäre…», ging es Katze durch den Kopf. Diese Vorstellung gefiel ihr.

Ein Windchen raschelte im Gras.

«Spät geworden», sagte Maus. «Zeit zu gehen.»

«Gute Nacht, Maus.»

«Gute Nacht, Katze.»

«Bis zum nächsten Donnerstag.»

«Ja.»

Maus ging hinaus und verschwand im Dunkeln. Katze schaute ihr lange nach. Dann sammelte sie die Kerzenschälchen, räumte den Gartentisch auf, wusch die Pfingstrosentassen und stellte sie zurück in den alten Kirschbaumschrank. Wenn jeder Tag Donnerstag wäre… Im Schlafzimmer rollte sie sich in ihrem Bettchen zusammen, dachte an die Sahnecreme-Wolken und lächelte. Dann schloss sie die Augen, lächelte noch einmal und schlief ein.

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