Rund um den Bielersee

Rund um den Bielersee

Vorwort

Die Arbeit an unserem Hochzeitsblog letztes Jahr könnte auch als eine Schreibübung herhalten, umso mehr, als meine damals noch künftige Schwiegermutter nach dem Lesen einer Geschichte bemerkte: «Da hat aber jemand ein Schreibtalent.» Wie mich das beflügelt hat! Obwohl ich meine Fähigkeiten realistische einschätze – oder gerade deshalb – tut mir jedes Lob gut. Hier ist diese Geschichte.

Rund um den Bielersee

Kaum zogen die Sommerferien ins Land, brach Bruno ins Engadin auf, zu einer seiner verrückten Radtouren über Gebirgspässe. Als er nach einer Woche und etlichen Berg- und Talfahrten sichtlich erholt und zufrieden wieder neben mir auf unserer Terrasse mit einem Bier saß und seine Erlebnisse schilderte, fand er, dass es vielleicht einfacher wäre, mir die Landschaft zu zeigen, als darüber zu erzählen. Ich wäre zwar nie und nimmer imstande, die von Bruno heiß geliebten Pässe mit einem Fahrrad zu bezwingen, das war sternenklar, aber das Flachland hätte womöglich auch einen gewissen Reiz.

Die Vorstellung, mit Bruno zusammen radelnd die Schweiz zu erkunden, schmeckte nach Sonne, Freiheit und Reiseromantik, ich wollte am liebsten sofort losziehen. Geduld hatte noch nie zu meinen Stärken gezählt, also packten wir umgehend die Satteltaschen und verabschiedeten uns von unseren beiden Samtpfoten. Drei Tage sollten es sein, drei Etappen der sogenannten Mittellandroute, von Solothurn der Aare entlang zum Bielersee, weiter am Neuenburgersee nach Yverdon-les-Bains und von dort aus nach Lausanne.

Die erste Etappe von Solothurn bis Ins entsprach meinen freudigen Erwartungen, bis auf einen langweiligen Regen am Abend und die Tatsache, dass ich mein Fahrrad zuletzt nur noch erschöpft schieben konnte und schließlich auch das nicht mehr. Aber immerhin hatte ich den ersten Teil meiner allerersten Radtour – sage und schreibe sechzig Kilometer – geschafft.

Als wir endlich in Ins waren und das für jedes Schweizer Dorf obligatorische Hotel-Restaurant «Krone» entdeckten, wussten wir gleich, wohin mit meinen müden und Brunos noch überaus munteren Knochen. Die Inser «Krone» wurde von einer italienischen Familie betrieben und bot uns ebenfalls italienische Küche, das letzte freie Zimmer mit einer winzigen Duschkabine direkt neben dem Bett und eine kleine Toilette draußen auf dem Gang. Allerdings konnte ich in meinem Dämmerzustand all diese Annehmlichkeiten nicht gebührend wertschätzen. Nach einer heißen Dusche gefolgt von einer heißen Suppe überließ ich meine Penne all’arrabbiata Bruno und fiel ins Bett.

Am nächsten Morgen, nach einem kleinen Spaziergang durch Ins – eine Käserei mit Blüemli-Chäs, eine Metzgerei, ein Blumenladen, ein Raiffeisen-Bankomat und das Konkurrenz-Hotel «Bären» – verließen wir das Dorf in Richtung Neuenburgersee. Die Landschaft mit ihrem satten Grün war einladend weit und das Wetter behaglich mit viel Sonne, fröhlichen leichten Wölkchen und einem sanften Windchen. Doch recht bald fanden wir uns auf einem endlosen Weg durch immer gleiche Zwiebel- und Maisfelder wieder, der einem Windkanal glich. Der Wind hatte seine Sanftmut verloren und blies uns hart ins Gesicht. Radfahren bei Gegenwind lässt mein Herz höher schlagen, was allerdings nicht unbedingt auf Begeisterung zurückzuführen ist. Nach zwei Stunden verzweifelten Kampf gegen den Wind, in denen wir nur einige wenige Kilometer zurücklegten, war ich mit meinen Kräften am Ende und mit meinen Nerven sogar darüber hinaus.

Beim Notfall-Mittagessen in Cudrefin – diesmal gab es keine «Krone», nur ein «Hôtel de Ville» – kam die Erleuchtung, dass es sich mit Rückenwind wahrscheinlich leichter fahren ließ. Die geplante Route wurde kurzerhand geändert, und es ging zurück zum Bielersee, nach Le Landeron und La Neuveville. Letzteres erfreute uns mit einem direkt am See gelegenen Hotel „Jean-Jaques Rousseu“: kreative Küche, Lebenssinn eröffnende Zitate des Maître an jeder vertikalen Fläche, Früchte und Basler Leckerli im Zimmer und ein schickes Badezimmer.

Tags darauf schauten wir uns den alten Dorfkern von La Neuveville näher an. Die schmalen Gassen mit ebenfalls schmalen gelben, roten und blauen Fassaden waren auf eine lässige Art sauber, das Läuten der Kirchenglocken silbrig, die nicht besonders zahlreichen Straßencafés und kleinen Läden halb leer oder geschlossen. Offenbar verirren sich nicht viele Touristen nach La Neuveville.

Radfahren in Ehren, aber manchmal kommt man auch mit anderen Verkehrsmitteln zu einem schönen Ort, und so nahmen wir das Schiff zur St. Petersinsel auf dem Bielersee. Auf dem Schiff wurde uns klar, wo all die in La Neuveville vermissten Touristen blieben, es war nämlich voll bis in die hinterste Ecke. Auch auf der Insel herrschte reger Betrieb, Familien mit Kinderwagen und sorglose Pärchen spazierten emsig herum, genossen pflichtbewusst die Aussicht auf den See und sprachen dem kulinarischen Angebot im Innenhof eines ehemaligen Klosters munter zu. Kellner mit bayerischer Aussprache servierten Fische aus dem Bielersee, Rindfleisch aus der kleinen Viehzucht nebenan und ganz anständige Weine vom Seeufer. Diese Pracht ließen wir uns natürlich nicht entgehen. Nach dem Fenchel-Carpaccio und Felchenfilet, heruntergespült mit einem lieblichen Chardonnay, hatten wir vom Radfahren genug. Mit dem Schiff ging es dem nördlichen Seeufer entlang, vorbei an Weinbergen, kleinen Häfen mit Anglern und vom Steg ins Wasser springenden Kindern, geranienbehängten Bilderbuch-Häuschen und der sich gemütlich am Hang schlängelnden Autobahn nach Biel zum Bahnhof und anschließend mit dem Zug nach Winterthur.

Als wir noch am selben Abend mit unserem Bier wieder auf der Terrasse saßen, konnte nun auch ich auf eine richtige Radtour mit schönen Erlebnissen zurückblicken und war zwar nicht gerade erholt, aber auf jeden Fall zufrieden.

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2 Gedanken zu „Rund um den Bielersee

  1. Ich sehe alles wieder vor mir – obwohl ich ja Wörter lese und nicht Bilder anschaue. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte — doch manchmal ist es umgekehrt!

    1. Das wichtigste Prinzip des Schreibens ist «Show, don’t tell». Geschichtlich gesehen war das nicht immer so, noch vor paar hundert Jahren waren Leser vollkommen damit zufrieden, eine Geschichte erzählt zu bekommen. Wir Menschen denken zwar nicht in Worten, sondern in Bildern, aber erst das Kino hat es uns buchstäblich vor die Augen geführt.
      Eine gute Geschichte soll ein «Kopfkino» sein. Schön, dass es bei dir hier der Fall ist. Allerdings bin ich geneigt, es der Tatsache zuzuschreiben, dass du bei der Tour dabei warst.

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