Wie alles begann

Wie alles begann

Der Prorektor bat mir nicht an, Platz zu nehmen. Etwas Kurzes, dachte ich.

«Es tut mir leid, dir das zu sagen, aber wir können deine Bewerbung nicht weiter verfolgen», sagte er verlegen.

Oh. Damit hatte ich nicht gerechnet. Das offizielle Anstellungsgespräch sollte erst nächste Woche stattfinden.

Der Prorektor blickte zutiefst betroffen, so als ob er es wäre, dem gerade die schlechte Nachricht überbracht wurde. Seine Augenbrauen bildeten ein Dächlein, die Worte  stolperten unwillig über seine Lippen: «Das bedeutet, dass du im nächsten Schuljahr nicht mehr bei uns unterrichten kannst.»

Klar. Als Lehrbeauftragte mit einem Gymnasiallehrerdiplom konnte ich nur ein Jahr lang befristet unterrichten, danach mussten sie mich unbefristet anstellen. Oder entlassen.

Das war’s also.

Ich hab’s gewusst.

Die Festanstellung an einer großen Kantonsschule war ein Traumjob schlechthin, denn ich konnte dort lebenslang bleiben – obwohl mir schwante, dass lebenslänglich dazu ein viel treffenderes Wort wäre. Entsprechend schwer war mir die Bewerbung gefallen. Lehrperson mit besonderen Aufgaben – das klang nicht nach einer freudigen Teilzeitarbeit, die mir viele Freiheiten ließ. Nein, das bedeutete als Klassenlehrerin streitlustige Teenies vom gegenseitigen Totschlag abzuhalten, mit zwanzig Pubertierenden auf Reisen zu gehen, in Kommissionen ein Wörtchen mitzureden – und vor allem möglichst viele Stunden zu unterrichten. Ich bekam Bauchkrämpfe bei der Vorstellung, noch zehn-fünfzehn Jahre an dieser riesigen Schule am Fließband zu lehren. Doch was sollte es? Unser gerade gekauftes Haus musste fertig renoviert werden, mein Kind hatte aufwendige Hobbys, meine Katzen brauchten anständiges Futter, und ich selbst legte ein sorgloses Konsumverhalten an den Tag. Das alles konnte ich nicht auf meinen Mann abwälzen. Und ich hatte doch so lange und so intensiv studiert. Und als Einwanderin sollte man keinen Job ausschlagen. Und meine gesellschaftliche Stellung… Und, und, und.

Ich hatte kein Krümelchen Zweifel daran, dass ich den Job bekomme. Elf Jahre Erfahrung und vorbildliche Zeugnisse sprachen für mich. Die neuen Kollegen hatten mich ins Herz geschlossen, der Prorektor strahlte nach den Unterrichtsbesuchen bei mir wie ein Honigkuchenpferd, und auch der vor Kurzem ernannte Rektor begegnete mir sichtlich wohlwollend. «Wir müssen die Stelle öffentlich ausschreiben, und du musst dich offiziell bewerben, aber das ist eine reine Formalität, es ist vom Kanton so vorgeschrieben. Wir nehmen natürlich dich, selbst wenn sich noch jemand anders bewirbt.»

Ich war schon immer Meisterin darin gewesen, mir etwas vorzumachen, und von dieser Fähigkeit machte ich nun einmal mehr Gebrauch. Ich schrieb den motiviertesten Motivationsbrief aller Zeiten, ließ mir aber im Geheimen ein Hintertürchen offen. «Wenn sie mich nicht nehmen», sagte ich mir, «ist das wohl ein Zeichen von oben. Dann steige ich aus. Ich wollte ja seit jeher ein Buch schreiben, aber wie soll das denn gehen, zwischen Korrekturen, Konventen, Weiterbildungen und dem eigenen Kind? Schuften, Shopping, tolle Ferien, auch das zweite Kind wird groß, ohne dass ich davon etwas mitbekommen habe, und dann bin ich zu alt für Neues oder vielleicht ganz tot – und was wird mit meinem Buch?»

Ich versprach mir feierlich, dass ich noch höchstens neun Jahre unterrichte. Und dann mache ich Schluss und beginne eine Schreibausbildung. Dieser Gedanke tröstete mich ein wenig über die sichere Anstellung.

Und jetzt war der Schluss schon da, und nicht ich hatte ihn gemacht, also hatte mein Gewissen nichts zu melden. Ich konnte also aussteigen?

Mir wurde schwindlig, in meinen Ohren dröhnte es. Wie durch einen Schleier sah ich den Prorektor, der von einem Fuß auf den anderen trat. «Wir hätten dich ja angestellt», meinte er, «aber die Schulkommission hat anders entschieden.»

«Was für ein zukunftsträchtiger Moment», schoss es mir durch den Kopf. Tränen der Ergriffenheit stiegen mir in die Augen, ich musste blinzeln.

Der Prorektor sah mich mit den Augen eines traurigen Bernhardiners an. «Es tut mir wirklich leid. Wenn ich etwas für dich tun kann…» Seine Stimme drohte zu brechen.

Ich musste es beenden, bevor der arme Kerl mir da womöglich auch noch in Tränen ausbrach. Er war wie der Rektor noch neu im Amt und für solche Begebenheiten nicht genug abgehärtet.

«Ist schon gut», tröstete ich ihn. «Ich kann damit umgehen. Das zerstört mich nicht.»

«Das freut mich sehr. Tja… Wie gesagt…»

Der Maßstab des Geschehens wurde mir allmählich bewusst. Ich war frei und dessen vollkommen unschuldig. In aufsteigender Euphorie wollte ich die ganze Welt umarmen und konnte mich gerade noch rechtzeitig davon anhalten, dem lieben Prorektor um den Hals zu fallen. Was er dann erst für ein Gesicht machen würde? Bei dieser Vorstellung musste ich lachen.

Mein Heiterkeitsausbruch verwirrte den Prorektor. Offenbar fehlte ihm das nötige charakterliche Rüstzeug im Umgang mit hysterisch werdenden Ex-Stellenanwärterinnen. Als ich mich, immer noch lachend, aus seinem Büro verabschiedete, hörte ich einen erleichterten Seufzer, aber vielleicht war es mein eigener.

Am Abend entkorkte mein Mann einen Veuve Clicquot, und wir begossen ausgiebig meinen verlorenen Job. Ich alberte herum, erfand Titel für meine künftigen Bücher und kicherte wie eine Zehnjährige.

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