Sechs Gründe, warum ich eine Autobiografie schreiben soll

Sechs Gründe, warum ich eine Autobiografie schreiben soll

  1. Spannung

    Ich hatte ein ungewöhnliches Leben. Das merke ich spätestens dann, wenn ich auf die harmlose Frage: «Woher kommst du?» zunächst nur ein verlegenes «Ähm …» hervorbringe, um mich gleich in lange und verworrene Ausführungen über meinen Lebensweg zu stürzen. Mittlerweile hat sich daraus eine Kurzversion herauskristallisiert, die ich in wenigen Sätzen herunterrattere und mit «Ich weiß, es ist ein bisschen kompliziert» schließe. Und das ist es in der Tat. Ich lebte in verschiedenen Ländern und politischen Systemen, in Großstädten und entlegenen Dörfern, mal über den Durchschnitt wohlsituiert, mal total unterprivilegiert. Für jemanden, der sein Leben in einem einzigen Land und unter nahezu gleichbleibenden Verhältnissen verbringt, könnte eine Lebensgeschichte wie meine unterhaltsam sein.

  2. Schriftliches Nachdenken

    Mein Leben lang veränderte ich mich. Jetzt reizt es mich herauszufinden, wie aus dem ruhigen kleinen Mädchen von einst die aktuelle temperamentvolle Version meiner selbst wurde und wohin es mich geistig und seelisch noch verschlagen könnte. Ich reflektiere ja nur zu gern und kann am besten beim Schreiben nachdenken, ohne genau zu wissen, wo ich am Ende ankomme. Dabei geht es mir wie Alice im Wunderland:

    «Es war viel besser zu Hause», dachte die arme Alice, «wo man nicht fortwährend größer und kleiner wurde, und sich nicht von Mäusen und Kaninchen kommandieren zu lassen brauchte. Ich wünschte fast, ich wäre nicht in den Kaninchenbau hineingelaufen – aber – aber, es ist doch komisch, diese Art Leben! Ich möchte wohl wissen, was eigentlich mit mir vorgegangen ist! Wenn ich Märchen gelesen habe, habe ich immer gedacht, so etwas käme nie vor, nun bin ich mitten drin in einem! Es sollte ein Buch von mir geschrieben werden, und wenn ich groß bin, will ich eins schreiben – aber ich bin ja jetzt groß», sprach sie betrübt weiter, «wenigstens hier habe ich keinen Platz übrig, noch größer zu werden.»

    «Aber», dachte Alice, «werde ich denn nie älter werden, als ich jetzt bin? das ist ein Trost – nie eine alte Frau zu sein – aber dann – immer Aufgaben zu lernen zu haben! Oh, das möchte ich nicht gern!»

    «O, du einfältige Alice», schalt sie sich selbst. «Wie kannst du hier Aufgaben lernen? Sieh doch, es ist kaum Platz genug für dich, viel weniger für irgend ein Schulbuch!»

    Und so redete sie fort; erst als eine Person, dann die andere, und hatte so eine lange Unterhaltung mit sich selbst …

    Da darf ich selbst gespannt sein, zu welchen Schlüssen mich meine Autobiographie bringt.

  3. Ausdruck meiner Dankbarkeit

    Bei der Arbeit an der Autobiografie kann ich nochmals all die Glücksmomente erleben, die mir das Schicksal beschert hat, ich kann in angenehmen Erinnerungen schwelgen und sie genüsslich auskosten. Doch auch die weniger erquicklichen Dinge kann ich aus den dunklen Ecken meines Gedächtnisses ausgraben und entscheiden, ob sie bei Lichte besehen wirklich so schlimm sind. Das entspricht meinem Bedürfnis, mit mir selbst im Reinen zu sein, und würde bestimmt die Dankbarkeit vertiefen, die ich für mein Leben insgesamt empfinde.

  4. Ein Stück Geschichte für meine Kinder

    Es ist nicht auszuschließen, dass sich meine Kinder irgendeinmal für meine Geschichte als einen Teil ihrer eigenen interessieren. Gut möglich, dass ich dann nichts mehr erzählen kann, weil ich zu diesem Zeit Punkt an Alzheimer leide, nicht mehr am Leben bin oder aus welchem Grund auch immer. Das wäre jammerschade. Wenn ich dagegen bei klarem Verstand eine Autobiografie verfasse, können meine Kinder daraus später Informationen über ihre Herkunftsfamilie nach Bedarf schöpfen – was ihnen durchaus viel bedeuten könnte.

  5. Schreibübung

    Jedes Werk ist nicht zuletzt eine Schreibübung, auch eine Autobiografie. Einerseits stellt sie ein ein großes Projekt dar, dessen Realisierung eine gute Planung und Ausdauer voraussetzt. Andererseits muss ich beim Erzählen aus dem wirklichen Leben umso mehr auf den Ausdruck achten, damit schließlich das auf dem Papier steht, was ich auch tatsächlich meine. Beim Wiedergeben wahrer Ereignisse ist die dichterische Freiheit im Vergleich zu fiktiver Welt doch ziemlich eingeschränkt. Diese Herausforderung bringt mich als Autorin weiter.

  6. Erinnerungen

    Eine Autobiografie würde es mir ermöglichen, Teile meines Lebens dem Sog der Vergessenheit zu entreißen. Ich habe fast keine Erinnerungsstücke mehr aus meinen Kinder- und Jugendjahren, nur ein paar verblasste Bilder sind noch da. Das erste Kapitel eines Science-Fiction-Romans, den ich mit elf aufs Papier brachte, die Tagebücher, die ich als vierzehnjährige schrieb, Schulzeugnisse, Urkunden, Briefe – alles ist bei zahlreichen Umzügen verloren gegangen. Vor Kurzem geriet mir ein Adressbuch in die Hände, das ich vor zwanzig Jahren führte. An die meisten Namen darin kann ich mich nicht einmal erinnern, geschweige denn ihnen irgendwelche Gesichter zuordnen. Vieles, was einst mein Leben füllte, ist in den Untiefen der Vergangenheit verschwunden. Das Wenige, was noch an der Oberfläche schwimmt, sollte ich festhalten, sonst versinkt es irgendeinmal auch für immer im Strom der Zeit, dann war’s für die Katz.

Und Sie – wenn Sie Zeit hätten, würden Sie eine Autobiografie schreiben?

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4 Gedanken zu „Sechs Gründe, warum ich eine Autobiografie schreiben soll

  1. Du hast schon mindestens zwei Kurzgeschichten geschrieben, die aus deinem früheren Leben gegriffen sind. Ich fand das sehr interessant, eine entfernte und fremde Welt wird so sehr anschaulich und verständlich. Umsomehr wäre das bei einer Autobiographie der Fall.

    1. Schön, dass dir meine Geschichten gefallen haben!
      Eine von den beiden ist hier im Blog publiziert:
      Ich werde mich bestimmt einmal meiner Autobiografie zuwenden, aber erst kommt das aktuelle Romanprojekt zum Abschluss!

  2. Vor allem bei Punkt vier stimme ich dir vollkommen zu. Ich habe die Geschichten, die du aus deinem Leben erzählt hast, immer geliebt und würde sie liebend gerne in einem zusammenhängenden Kontext lesen!

    1. Immerhin hast du vieles miterlebt, du begleitest mich schließlich seit meinem zwanzigsten Lebensjahr, inzwischen mehr als die Hälfte meines Lebens. Für deinen Bruder, der ja noch nicht so lange mit an Bord ist, gibt es da viel mehr Lücken.
      Und ja, ein zusammenhängender Kontext ist ein wichtiger Punkt, um die Dinge erst einmal überhaupt zu verstehen.

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