Ich kann mich nicht konzentrieren

Ich kann mich nicht konzentrieren

Halb neun. Ich schlage das Lernheft auf. «Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts gab es in Deutschland …» Irgendwie ist es mir kalt, obwohl ich unter dem Pullover ein langärmeliges T-Shirt anhabe. Der Pullover ist zu dünn. Nein, bei dieser Kälte kann ich mich nicht konzentrieren. Ich hole meinen Wollschal. So ist es gleich viel besser. Also… «Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts gab es in Deutschland …» Mein Gesicht juckt. Diese neue Schutzcreme ist eigenartig, manchmal brennt sie auf der Haut…

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Die kleine Vogelspinne

Die kleine Vogelspinne

*** Im Mutterkokon war es eng und behaglich. Die kleine Spinne schlummerte vor sich hin neben ihren Geschwistern, umhüllt von mehreren Lagen hauchzarter Spinnseide. Sie spürte, dass sie bald das sichere Halbdunkel des Kokons verlassen würde, und sammelte Kräfte für das Leben im Freien. Eine Regung ließ sie aufhorchen. War es soweit? Zeit zum Schlüpfen? Die kleine Spinne spürte die Körper ihrer Geschwister, dicht beieinander. Was wird aus ihnen allen draußen? Neben ihr rührte sich eine Schwester. «Du sollst schlafen»,…

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Märchen

Märchen

Märchen sind eine Literaturform, die allen Völkern dieser Welt eigen ist und sie eint. Dagegen taugen unsere rationalen Begriffe, inklusive Ethik und Religion, immer noch zur Kriegspropaganda. «Nur Liebe führt zum Glück» – Eugen Drewermann über Märchen, Psychoanalyse und Pädagogik Südwest Presse Online-Dienste GmbH

Das Tier in mir oder ab ins Rampenlicht

Das Tier in mir oder ab ins Rampenlicht

Ich spüre ein Tier in mir. Das ist Chuchundra, die Moschusratte, die sich kaum aus ihrem Winkel traut und immer an den Wänden entlang schleicht. Ein kleines Tier mit gebrochenem Herzen, das die ganze Nacht zittert und wimmert und versucht, Mut zu fassen, um in die Mitte des Raums hinaus zu rennen – und es nie schafft. Ich liebe sie trotzdem. In letzter Zeit benimmt sie sich merkwürdig. Sie durchquert den Raum und bemerkt es anscheinend nicht einmal. Oder sie…

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Meine ersten Leseerlebnisse

Meine ersten Leseerlebnisse

Meine Eltern waren selbst fleißige Leser und haben mir das Lesen früh, das heißt im Alter von fünf Jahren, beigebracht. Als Kind las ich viel, und meine andauernde rheumatische Erkrankung, die mich wenn nicht gerade ans Bett, so doch oft an mein Zimmer fesselte, trug dazu entscheidend bei. Ich kann mich nicht mehr an die ersten Bücher erinnern, die ich gelesen habe, wahrscheinlich waren es politisch korrekte Werke über furchtlose, moralisch einwandfreie Helden und parteitreue Pioniere. Das erste Buch, das…

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Extrakurze Kurzgeschichten

Extrakurze Kurzgeschichten

Flieg, Schriki, flieg! Vorsichtig öffneten wir den Käfig mit dem Eisvogeljungen. «Mach’s gut, Schriki.» Das zarte Geschöpf witterte Freiheit und schlug heftig mit den Flügeln. Sein Federkleid schimmerte wie ein winziger Regenbogen im Sonnenlicht, das durch das offene Fenster hineinfiel. Das Vögelchen hüpfte ein paarmal hin und her, stieß an die Gitterstäbe und fand schließlich den Weg aus seinem Gefängnis. Auf dem Fensterbrett ließ es sich kurz nieder und drehte sich um, als wollte es sich von uns verabschieden. Ein…

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Schreibe stur, schnell und schlecht oder Was ist wichtig für gute Texte

Schreibe stur, schnell und schlecht oder Was ist wichtig für gute Texte

Heute Nacht bin ich von meinem dreitägigen Abstecher nach Berlin zurückgekommen, jetzt sitze ich da und reflektiere. Reflektieren ist bei mir ohnehin groß geschrieben, das tue ich mehr als alles andere. An manchen Tagen besteht mein Denken ausschließlich aus Reflektieren. Bis jetzt fand ich das ganz okay. Wie schlecht es in Wirklichkeit um mich steht, fiel mir erst vorgestern auf, bei einer Schreibübung im Workshop «Kreativitätstechniken» mit Tanja Steinlechner. Moment mal, war das erst vorgestern? Kaum zu glauben. Das eben…

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Katzenjammer

Katzenjammer

Die ersten fünf Monatshefte meines zweijährigen Fernlehrgangs schaffte ich jeweils in durchschnittlich drei Wochen. Yuppie! Mein Ziel war es, den Lehrgang trotz zweimonatiger Australienpause rechtzeitig zu beenden. Dann stockte es. Die endlosen Schulferien, die immer wieder dazwischen kamen, zerfetzten meinen Zeitplan. In den fünf Wochen Sommerferien kam ich zu absolut nichts, außer überall herum zu reisen. Kaum hatte ich mich Mitte August in meinem Lern- und Schreibrhythmus wieder eingefunden, folgten Schlag auf Schlag je zwei Wochen Herbst-, Weihnachts- und Winterferien….

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Ein Prinz, der Armut wählte

Ein Prinz, der Armut wählte

In einem fernen Königreich lebte einmal ein sehr junger Prinz. Er hatte die kostbarsten Gewänder, den edelsten Schmuck und die schönsten Spielsachen, die es je auf der Welt gegeben hatte. Seine Mutter, die Königin, liebte ihn über alles und verwöhnte ihn. Eines Tages wurde die Königin sehr krank. Die besten Heiler des Königreichs wussten keinen Rat. Der Prinz wollte nicht, dass seine Mutter starb, denn dann würde ihn niemand mehr lieben. Er betete, dass seine Mutter wieder gesund werden möge,…

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Nenn mich nicht Schatz!

Nenn mich nicht Schatz!

«Nur Salat? Seit wann bist du auf dem Gesundheitstrip?» «Ich habe einfach keinen Hunger.» «Aha.» Philipp bestellte für sich ein Mittagsmenü und tippte weiter auf seinem Smartphone herum. «Ich muss heute länger in der Kanzlei bleiben», sagte er beiläufig. «Wir haben ein vielversprechendes Mandat bekommen und Vater möchte, dass ich mich da einarbeite.» Er blickte kurz auf. «Aber wir wollten doch zusammen kochen.» Tamara spielte mit der Gabel. Ihre langen, apfelgrün lackierten Fingernägel glitzerten im frühlingshaft zarten Sonnenlicht, das hier…

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