Eine Dezembergeschichte

Eine Dezembergeschichte

«Du hast es gut, Mama», sagte mein Sohn. «Du kannst zu Hause bleiben, in der Wärme, und ich muss raus in die Kälte.» Er mimte ein Frösteln und machte ein leidendes Gesicht. Dann lachte er, nahm sein Fahrrad und verschwand im dunkeln Dezembermorgen.

Aus der Diele hinaus warf ich einen Blick auf die mit Raureif bedeckte Rasenfläche vor dem Haus und die angeweißelten Dächer der Nachbarshäuser. In der Nacht hatte es gefroren. Die raue Winterluft prickelte in der Nase. Ich atmete ein paarmal tief ein und aus und zog mich zu meinem Kaffee zurück. Seitdem ich nicht mehr arbeitete, ging es mir gut, da hatte mein Sohn Recht. Er selbst hatte zu kämpfen, die Schule begann viel zu früh, meistens schon um Viertel nach sieben, und im Winter erhellten nur sein Frohmut und seine Witze uns zwei Morgenmuffeln den sonst nicht gerade erquicklichen Tagesanbruch.

Zwei Tage später schneite es. Das waren noch Zeiten…

Ich frage mich, warum diese Erinnerung gerade jetzt auftaucht. Seit geraumer Zeit bin ich nicht mehr im Dunkeln aufgestanden und mit dem Schnee ist es auch schon lange her. Vielleicht liegt es am Kaffee, den ich wieder einmal trinke, trotz Missbilligung meiner Kinder wegen so etwas Ungesundem. Die süße Bitterkeit zergeht auf meiner Zunge wie an jenem Morgen vor vielen, vielen Jahren. Ich werde Lenny darüber erzählen, er liebt Geschichten aus dem Leben. Übrigens sollte er schon da sein.

Lenny ist mein Urenkel. Einmal in der Woche kommt er nach der Schule zu mir. Seine Mutter, meine Enkelin Georgina, sieht es ganz gelassen, dass er nicht immer mit den anderen Kindern spielen will.

In dem Moment, als ich besorgt auf die Zeitanzeige blicke, ertönt ein Empfangssignal.

«Hallo, Umi!» Lenny stürmt auf mich zu und umarmt mich.

«Wie geht’s dir, Lenny? Du kommst heute später als sonst.»

«Ui, es gab ein Riesentheater! Der Bodar hat etwas mit dem Portal gemacht, und wir konnten nicht weg. Die Lehrerin musste es zuerst komplett neu starten.»

«Ja, was. Habt ihr lange warten müssen?»

«Sehr. Und der Bodar am längsten. Die Lehrerin hat gesagt, er geht als Letzter.»

«Das ist fair, meinst du nicht?»

«Schon. Und der Bodar hat gesagt, nächstes Mal wird er das Portal so umprogrammieren, dass wir alle weit, weit weg landen, im Hochmeer oder so, und niemand wird uns finden. Aber das kann er nicht, oder?»

«Nein, ganz sicher nicht. Es ist ja ein Nahportal. Mit dem kommt man nicht so weit.»

«Das hat dier[1] Noam auch gesagt. Xier weiß es, sie haben ein Fernportal zu Hause, weil xies Vater im Orbit arbeitet. Xier gibt immer damit an.»

«Und was hat die Lehrerin gemeint?»

«Sie hat auf den Bodar geschimpft und gesagt, nächstes Mal wird er nach Hause walken müssen. Und der Bodar hat gesagt, das darf sie nicht machen, das ist gefährlich und nicht kindergerecht, und außerdem ist das Politik, und Politik ist verboten.»

«Ganz schön dreist, dieser Bodar.»

«Und ich habe gesagt, ich kann nach Hause walken, ich weiß den Weg, und alle haben gelacht, nur die Ida nicht. Darf sie einmal mit zu dir kommen?»

«Ja, klar.» Ich muss schmunzeln. «Sie ist nett, was?»

«Sie glaubt mir», sagt Lenny ernst. «Und ich weiß den Weg wirklich», fügt er hinzu. «Und ich habe keine Angst, allein zu walken.»

«Du bist genau so kühn wie dein Opa. Und auch genau so gescheit wie er.»

«Hatte er die Schule gern?»

«Meistens schon. Auch wenn sein Schulweg manchmal ein bisschen mühsam war.»

«Mühsam? Warum?»

«Wegen der Kälte und der Dunkelheit.»

«Hattet ihr keine Energie? War euer Haus kaputt?»

«Ich meine draußen. Draußen war es kalt und dunkel. Damals mussten die Kinder schon am frühen Morgen in die Schule.»

Ich erzähle Lenny über den dunklen Dezembermorgen, den Raureif und die weißen Dächer. Mit großen Augen saugt er jedes Wort in sich auf.

«Und dann ist dein Opa auf sein Fahrrad gestiegen und in die Schule gefahren», schließe ich meine Erzählung.

«Warum? War euer Portal kaputt?»

«Wir hatten keins.»

«Wart ihr arm? Dann hätte er mit einem öffentlichen gratis gehen können.»

«Nein, wir waren nicht arm.» Ich muss wieder schmunzeln.

Lennys Augen werden noch größer.

«Wart ihr … Walkies?» Das letzte Wort flüstert er.

«Nein, Lenny. Wir waren ganz normale Menschen. Es gab damals einfach noch keine Portale.»

«Du hast gelebt, wo es noch keine Portale gab? Bist du so alt? Opa ist erst hundertacht.»

«Nun, ich bin im vorletzten Jahrhundert geboren. Ob das alt ist? Hm … Als ich in der Schule war, gab’s noch nicht mal das Internet.»

«Und wie habt ihr gelernt?»

«Wir hatten Bücher und später Computer. Und noch später wurden die Portale gebaut, als dein Opa schon groß war. Als Kind musste er jeden Tag mit dem Fahrrad zur Schule fahren.»

«Jeden Tag mit dem Fahrrad …»

Eine Zeitlang sitzt Lenny ganz still. «Umi?», fragt er dann. «Gehen wir heute wieder nach draußen?»

«Wenn du willst.»

«Oh ja, sehr. Die anderen glauben mir’s nicht, aber ich kann’s.»

«Ich weiß, dass du’s kannst. Drum zeige ich dir heute etwas Besonderes.»

«Was denn?» Lennys Augen leuchten auf.

«Ich zeige dir den Wald.»

«Gibt’s dort Bäume?»

«Natürlich. Und Vögel.»

«Wow … Und wir walken dorthin?»

«Ja. Aber zuerst brauchst du eine kleine Stärkung.»

«Nein, Umi, ich habe keinen Hunger! Bitte, bitte, lass uns jetzt sofort gehen!»

«Hm … Mir fällt gerade etwas ein. Wir nehmen ein paar Riegel und Früchte mit und essen im Wald. Das heißt Picknick. Hilfst du mir packen?»

«Ja!» Lenny zieht mich an der Hand in die Küche. «Picknick packen, Picknick packen!», trällert er.

Dann hält er inne und sieht mich ernst an.

«Du hast es gut, Umi. Du kannst jeden Tag nach draußen gehen. Wenn ich groß bin, werde ich es auch machen.»

[1] Die geschlechtsneutralen Artikel und Pronomen, die bei Personenbezeichnungen verwendet werden: dier statt die/der, xier statt sie/er, xies statt ihr/sein. Siehe dazu z. B. hier.

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