Dina bleibt zu Hause

Dina bleibt zu Hause

«Ticktack, ticktack», sprach die Wanduhr laut.

«Tropf», antwortete der Wasserhahn.

Dina streute Zucker über die kalten Nudeln von gestern, aß sie direkt aus dem Topf und lauschte der Uhr und dem Wasserhahn. Auf acht ticktack kamen drei tropf. Der Zucker knirschte zwischen den Zähnen. Dina gab sich Mühe, langsam zu kauen, und doch waren die Nudeln bald alle. Sie schob den leeren Topf von sich und drückte die Stirn an die Fensterscheibe.

Im verschneiten Hof zwischen den Betonblöcken hatte sich nichts verändert. Sonnenlicht fiel schräg zwischen den Häusern, die Bänke und Sträucher glitzerten wie im Reich der Schneekönigin. Dinas Atem beschlug die Scheibe, sie zeichnete rasch ein Muster darin, bevor die Scheibe wieder klar wurde. Im Sommer konnte man Brotkrümel aus dem Fenster werfen und zusehen, wie Tauben sich darüber hermachten, doch jetzt waren die Fensterrahmen mit breiten Papierstreifen zugeklebt.

Dina goss sich Hustentee aus der Thermoskanne ein und drückte eine Tablette aus der Packung. Was machten die anderen Kinder gerade in der Schule? Der Unterricht und das Mittagessen waren vorbei, man durfte auf den Schulhof, bevor es an die Hausaufgaben ging. Es gab ein Spiel oder vielleicht eine Schneeballschlacht…

Draußen ertönten Stimmen. Vier Jungen stapften durch den Hof. Die Glücklichen, sie mussten nicht in den Schulhort, bei ihnen war jemand zu Hause. Allen voran stolzierte Sascha mit seinem großen Holzschlitten, andere, mit Pappstücken bewaffnet, eilten hinterher. Der Hügel! Dina hüpfte auf. Auf dem Hügel hinter ihrem Haus lag endlich genug Schnee! Zwei Jungen stritten und schubsten einander, Sascha achtete nicht auf sie. Angeber! Machte sich wichtig, dabei hatte Dina auch einen Holzschlitten und ihrer war sogar größer. Sie schnitt Sascha eine Grimasse, aber er bog mit seinem Gefolge schon um die Ecke.

Die Tablette war bitter, Dina spülte sie mit einem kräftigen Schluck Hustentee hinunter. Sie hatte ihren neuen Schlitten noch gar nicht ausprobiert. So gemein. «Bam, bam», meinte die Wanduhr. Zwei Uhr. Dina überlegte. Es passiert sicher nichts Schlimmes, wenn sie ganz kurz nach draußen geht, ein halbes Stündchen, nicht mehr. Mama würde es nicht einmal erfahren, sie kommt erst um sechs, bis dann wäre Dina längst wieder zurück. Sie würde sich warm anziehen und nachher den Hustentee austrinken, damit sie nicht noch mehr krank wird. Nur ein halbes Stündchen.

Mamas alte Uhr lag in der Kommode. Sie ging richtig und Dina steckte sie in die Hosentasche. Sie schlüpfte in ihre Wintersachen, hängte sich den Wohnungsschlüssel um den Hals und rannte mit ihrem Schlitten die Treppe hinunter.

Die Sonne lächelte, die frostige Luft kitzelte in der Nase. Der Hügel zwischen den Fichten glänzte wie ein Zuckerhut, Kinder kletterten hinauf und rasten herunter, auf Schlitten, Spanplatten, alten Waschschüsseln. Dina stürzte sich ins quietschende Gewusel. Der Fahrtwind schnitt ihr ins Gesicht, sie flog bis an die Straße und landete kopfüber in einem Schneehaufen. Der Schlitten war noch schneller, als sie gedacht hatte. Sie wettete mit Sascha und gewann sieben Fahrten von zehn. Sie fuhren auch bäuchlings, rücklings und stehend, Dina war fast immer die Schnellere. Sascha gab nicht mehr an. Er hatte gerade die beiden Schlitten zu einem Zug zusammengebunden, als seine Großmutter kam. Sie schimpfte, er solle Hausaufgaben machen, und schleppte ihn nach Hause. Dina sah sich um.

Die Sonne war hinter die Fichten gerollt. Dinas Fäustlinge waren durchnässt, der dicke Wollmantel hatte einen Schneesaum. Mit klammen Fingern kramte sie die Uhr hervor. Halb fünf! Flugs nach Hause, die Sachen trocknen, bevor Mama kommt.

Der Fahrstuhl war gerade unten. Dina war noch nie allein mit dem schummrigen Kasten gefahren, aber jetzt eilte es. Entschlossen trat sie hinein und drückte auf den Knopf. Die doppelten Metalltüren knallten zu und das Ungetüm ratterte los. Dina sah durch den Spalt zwischen den Türhälften den ersten Stock vorbeiziehen und nestelte den Schlüssel unter dem Mantel hervor, da blieb die Kabine mit einem Ruck stehen. Das Rattern verstummte, die Türen blieben zu. Im Spalt stand der Boden des zweiten Stocks vor Dinas Augen.

Ihr Herz hämmerte. Sie drückte auf den Alarmknopf, es klingelte laut, sonst geschah nichts. Sie drückte nochmals, hielt den Knopf gedrückt, trat gegen die Türen, schrie. Irgendwo oben schepperte ein Schloss. «Was ist los? Ist jemand im Fahrstuhl?» rief eine brüchige Frauenstimme.

«Ich bin hier, ich bin stecken geblieben!»

Die Alte schlurfte herunter und blickte durch den Spalt auf Dina herab. «Ach du Armes. Ich rufe den Mechaniker an.»

Dina setzte sich auf ihren Schlitten und starrte auf die Uhr. Der Sekundenzeiger sprang von einem Strich zum nächsten. Was, wenn der Mechaniker schon Feierabend hatte? Musste sie bis morgen im Fahrstuhl sitzen? Mama wird furchtbar schimpfen. Der Zeiger sprang unbekümmert weiter.

Der Mechaniker kam um zehn nach fünf. Er zwängte die Türen mit einer dicken Stange auseinander und zog Dina und ihren Schlitten hinaus. Hurra! Es war noch nicht zu spät. Sie packte den Schlitten, drehte sich um und stieß beinahe mit ihrer Mutter zusammen, die gerade die Treppe hoch kam. «Was machst du da?» riefen beide wie aus einem Mund.

Eine halbe Stunde später saß Dina in der Küche mit einer Tasse Hustentee, die Füße in einen Eimer heißes Wasser gesteckt.

«Die Chefin war nicht da, ich konnte früher gehen», sagte Mama und nahm Dina das Fieberthermometer ab. «Nun, Fieber hast du nicht.» Es klang überrascht. «Aber der Doktor hat gesagt, du sollst die ganze Woche zu Hause bleiben. Oder willst du wieder ins Krankenhaus?»

Dina schüttelte den Kopf.

«Versprich mir, so etwas nie wieder zu tun.»

Dina nickte zerknirscht in ihre Tasse.

«Wenn du morgen brav bist, backe ich am Abend Pasteten mit Kohl, du kannst mir helfen.»

Wie? Dinas Lieblingspasteten? War Mama ihr denn nicht böse? Dina blickte verwundert auf. Aber Mama seufzte nur und strich ihr über den Kopf.

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